Podiumsdiskussion: 30 Jahre nach dem Durchschneiden des Eisernen Vorhangs

Beim WAB berichteten damalige Entscheidungsträger

Am 27. Juni jährte sich zum 30. Mal die unvergessliche Szene, als der damalige Außenminister Österreichs, Dr. Alois Mock, mit seinem ungarischen Ressortkollegen Gyula Horn den „Eisernen Vorhang“ bei Klingenbach durchschnitt und damit den faktischen Zusammenbruch des kommunistischen „Ostblocks“ signalisierte. In einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „30 Jahre Niederringung des Kommunismus in Europa“ gedachte der Wiener Akademikerbund dieser historisch bedeutsamen Phase unserer Region und der ganzen Welt. Dazu berichteten damalige politische Entscheidungsträger, Aktivisten und Zeitzeugen (Dr. Jan Carnogursky, Ministerpräsident Slowakei a.D., RA Dr. Eva Maria Barki, damals Freiheitskämpferin für/in Ungarn, Dr. Harald Kotschy, damals Botschafter Österreichs in Belgrad, Moderation Mag. Herbert Vytiska, damals Pressesprecher Mocks).

Carnogursky: „Marx-Kommunismus war der falsche Weg“

Jan Carnogursky beleuchtete das damalige Geschehen aus der Sicht der Slowakei. „Beim Umbruch hat man erkannt, dass die kommunistischen Staaten weit hinter den westlichen zurück waren und damit wurde klar, dass der Marx-Kommunismus der falsche Weg war.“ Und „es wurde auch rasch klar, dass der Ostblock zerfallen würde, was noch kurz zuvor keiner geglaubt hätte.“ Auch „hatte der Osten keine Angst vor der Wiedervereinigung Deutschlands, ganz anders als England und Frankreich.“ In diesem Sinne habe er „unlängst in Moskau eine Werbung gelesen: ‚Kaufen Sie dieses Produkt – es ist ein bewährtes deutsches Produkt!‘ – Solch eine Aufschrift ist in Frankreich und England unvorstellbar!“

Barki: „Ungarn-Ausbruchstimmung schon anfangs 70er-Jahre“

Eva Maria Barki wies darauf hin, dass in Ungarn schon „anfangs der 70er-Jahre eine Aufbruchstimmung entstand“, ausgehend vom Aufstand 1956. Es gab eine „offene Gesprächsbasis, nur Gerichte und Militär waren kommunistisch.“ So kursierte damals folgender Witz: „In ganz Ungarn gibt es nur einen Kommunisten – aber niemand weiß, wer es ist!“ Barki hat damals „meine Aufgabe darin gesehen, Mut zu machen“. Das hat sie etwa 1988 mit einer Brandrede vor hunderten Zuhörern getan, „die vor Freude getobt haben!“ Mitentscheidend für die schrittweise Annäherung Ungarns an den Westen war der von ihr forcierte Antrag Ungarns, der Genfer Flüchtlingskommission beizutreten (14.3.1989). Daraufhin „wurde Ungarn angegriffen – aber nicht von Gorbatschow, der ja Perestroika und Glasnost vertrat, sondern von der Tschechoslowakei und Rumänien“. Barki kritisierte scharf, dass sich Österreich „in den 70er- und 80er-Jahren nicht an die Genfer Konvention gehalten und waggonweise Flüchtlinge nach Polen und Siebenbürgen zurückgeschickt hat.“ Im Jänner 1988 habe sie in Österreich beim Verwaltungsgerichtshof erreicht, dass Flüchtlinge nach Österreich dürfen – „ich war dann gehasst vom Innenminister!“

Kotschy: „1988/89 dachte keiner an Zerfall Jugoslawiens“

Harald Kotschy schilderte den Zerfall Jugoslawiens, das „langsame Auseinanderbrechen“ von Serbien, Montenegro, Albanien und Kosovo sowie den Abgang von Slowenien, insbesondere nach dem Tod Titos. Denn „1988/89 dachte noch keiner bei uns in Belgrad, dass Jugoslawien je zerfallen könnte.“

Text & Foto von Michael Kress